Alle Kunst strebt beständig nach dem Zustand der Musik.
Walter Horatio Pater (* 4. August 1839 in Shadwell, London; † 30. Juli 1894 in Oxford)
englischer Essayist und Kritiker, Schlüsselfigur des Ästhetizismus im 19. Jahrhundert
24.03.2026
Der Versuch totalitärer oder ideologischer Systeme – wie des Realsozialismus in der DDR – das ästhetizistische Prinzip zu unterlaufen, markiert einen der fundamentalsten Konflikte der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts: Zweckfreie Autonomie gegen staatliche Funktionalisierung.
Im Gegenzug zur Ästhetik Paters lässt sich diese Entwicklung in mehreren zentralen Dimensionen betrachten:
1. Das Primat des Inhalts über die Form (Sozialistischer Realismus)
Während Pater argumentiert, dass in der Musik Form und Inhalt verschmelzen und die Form der eigentliche Inhalt wird, kehrte die DDR-Kulturpolitik dieses Verhältnis radikal um:
- Inhalt als Diktat: Die Form hatte sich strikt dem politisch-ideologischen Inhalt unterzuordnen. Kunst musste verständlich, volksnah und vor allem ideologisch „richtig“ sein.
- Bekämpfung des „Formalismus“: Experimentelle Formen, Abstraktion oder die Erforschung der reinen Material- und Formästhetik wurden ab Anfang der 1950er Jahre offiziell als „bürgerlicher Formalismus“ oder „dekadent“ gebrandmarkt und verpönt.
2. Kunst als Erziehungsinstrument statt reiner Sinneserfahrung
Für Walter Pater und den Ästhetizismus existiert Kunst primär für den Moment der reinen Wahrnehmung und der individuellen Schönheit („L’art pour l’art“).
Die marxistisch-leninistische Kunsttheorie verwarf dies als egoistischen Eskapismus. Kunst wurde stattdessen eine klare gesellschaftliche Funktion zugewiesen:
- Umerziehung des Menschen: Kunst sollte beim „Aufbau des Sozialismus“ helfen und den „neuen sozialistischen Menschen“ formen.
- Propagandistische und moralische Pflicht: Sie hatte die Errungenschaften des Staates zu feiern, Klassenbewusstsein zu stärken und moralische Vorbilder (z. B. den aufopferungsvollen Arbeiter oder Parteisoldaten) darzustellen.
3. Der Konflikt um die Musik selbst
Interessanterweise machte die DDR-Kulturpolitik selbst vor der Musik – der für Pater reinsten aller Künste – nicht halt:
- Da Musik keine konkreten Gegenstände abbildet, ist sie schwerer ideologisch zu kontrollieren. Die SED versuchte daher, auch die Musik über Programmmusik, Textregie (KANTATEN, Lieder) und Doktrinen zu funktionalisieren.
- Komponisten, die sich der rein abstrakten oder zwölftönigen Musik widmeten, gerieten schnell in den Verdacht der Systemkritik, da unkonkrete Töne Raum für unkontrollierte, individuelle Interpretation boten.

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